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August 2020

Logistik Quickwins – die Artikelserie von Pierau Planung (4/8)

Pierau Planung plant und realisiert Logistik. Als Logistikberater kommen wir häufig zum Einsatz bei hohen Versandzahlen, herausfordernden Retouren, großen Bauprojekten oder bei der Einführung von ERP Systemen – warum also beschäftigen wir uns in unserer Reihe „Quickwins” mit Dingen, die auf den ersten Blick wie Kleinigkeiten wirken?

Die Antwort ist simpel: weil diese Kleinigkeiten so weit verbreitet sind. Unser Berater-Team sieht viele Logistikabwicklungen in der Praxis mit objektivem Blick von außen. Und so unterschiedlich die Systeme und Prozesse auch sind, eines ist ihnen gemeinsam: Häufig gibt es eine oder mehrere Stellschrauben, die mit „nebenbei wenig Aufwand” große Wirkung versprechen.


Quickwins lassen sich in vielen Bereichen der Logistikabwicklung identifizieren und umsetzen – lesen Sie dazu auch unsere Artikel „Ordnung im Lager“, „Lagerstruktur, die Erste: ABC“ und „Abwicklung von EPO/EPO1“. In unserem aktuellen Artikel aus der Serie dreht sich alles um

Ergonomie am Arbeitsplatz.

Der Begriff Ergonomie ist als optimale wechselseitige Anpassung zwischen den Menschen und ihren Arbeitsbedingungen definiert. Dies ist eine klare, wissenschaftliche Definition. In der Praxis ist das Thema jedoch bei weitem nicht so übersichtlich und einfach in den Griff zu bekommen. Lage und Einrichtung der Arbeitsplätze bestimmen die Bewegungen der Mitarbeiter. Und umgekehrt. Die Mitarbeiter haben sich zum Teil seit langem mit den vorhandenen Gegebenheiten arrangiert, so dass Optimierungsbedarf schwer zu erkennen ist – und Verbesserungsmaßnahmen zunächst als Abweichung vom Gewohnten auch nicht ideal aufgenommen werden. Aber: Mangelnde Ergonomie wirkt sich in mehrfacher Hinsicht negativ aus. Überflüssige Abläufe, zu bewegende Lasten und zurückzulegende Strecken – seien sie auch noch so klein – verlangsamen Prozesse und belasten die Mitarbeiter. Sie führen zu höherem Krankenstand und schließen erfahrene, mittlerweile weniger physisch belastbare Mitarbeiter von manchen Aufgaben aus.
Doch: Genauso, wie vergleichsweise kleine Stolpersteine in der Ergonomie die Logistik ausbremsen, führt ihre Beseitigung im Gegenzug oft und schnell zu Leistungssteigerung.

Die Effekte: Gesundheit, Effizienz und Motivation der Mitarbeiter steigen, sodass die personelle Ausfallquote sowie die Fehlerquote sinken.

Gesunde und motivierte Mitarbeiter sind zentral für effiziente Abläufe. Daher ist es wichtig, dass Sie Optimierungsmöglichkeiten stets im Blick behalten und frühestmöglich erkennen, wenn Prozesse nicht (mehr) optimal laufen. Gehen Sie also aufmerksam durch Ihr Lager. Nehmen Sie einzelne Arbeitsschritte kritisch unter die Lupe und sensibilisieren Sie auch Ihre Mitarbeiter dafür:

•    Wie ist der Arbeitsplatz dimensioniert?

•    Wo muss Ihr Mitarbeiter überflüssige, wiederkehrende oder den Bewegungsapparat belastende Bewegungen ausführen?

•    Wo liegen die Arbeitsmaterialien?

•    Gibt es Materialien, Werkzeuge oder weitere Hilfsmittel, die Ihrem Mitarbeiter die Arbeit vereinfachen?

•    Ist ausreichend Bewegungsfreiheit bzw. Spielraum für z. B. Richtungswechsel vorhanden, um wiederkehrende Abläufe zu durchbrechen?

Ein schlankes Design der Arbeitsplätze unter Berücksichtigung ergonomischer Aspekte kann viel in puncto Mitarbeitergesundheit und -motivation und damit maßgeblich zum Unternehmenserfolg beitragen. Werden Arbeitsplätze neu eingerichtet, ist es auf jeden Fall sinnvoll, diese im Vorfeld zu simulieren und zu testen – letzteres vor allem auch durch die Mitarbeiter selbst.  Die Möglichkeiten sind vielfältig und können z. B. Testaufbauten umfassen.  Durch einen simplen Nachbau mit Kartons können bei einfachen Arbeitsplätzen bereits in der Planung ergonomisch ideale Bedingungen identifiziert und anschließend umgesetzt werden, z. B. durch die Anschaffung höhenverstellbarer Tische für optimalen Steh- und Sitzkomfort oder von Tischen mit Arbeitsflächen, die so lang wie nötig und so kurz wie möglich sind.

Sehr effizient und realisierbar durch neuere Technologien ist die komplett interaktive 3D-Simulation mit Körperscannern: Die Bewegungen des mit VR-Brille und entsprechenden Sensoren ausgestatteten realen Mitarbeiters an einem virtuellen Arbeitsplatz werden in der Simulationssoftware über einen Avatar abgebildet. Fehl- oder Überbelastungen des Bewegungsapparats werden in rot am Monitor angezeigt. Im virtuellen Raum kann der Arbeitsplatz so lange angepasst werden, bis die Bewegungsabläufe nicht mehr belastend auf den Mitarbeiter wirken. Die Einrichtung der realen Arbeitsplätze kann auf Grundlage der Simulationsergebnisse direkt und ohne zeit- und kostenintensive Nachjustierungen erfolgen. Doch auch bereits bestehende Arbeitsplätze sind oft schnell optimierbar – hier die wichtigsten

 Quickwins:

•    Optimale Streckenführung: Stellen Sie sicher, dass Ihre Mitarbeiter keine unnötigen und langen Wege am Arbeitsplatz zurücklegen. Als Folge erhöht sich die Arbeitsgeschwindigkeit und damit die Effizienz. Auch kleine Zwischenschritte summieren sich im Verlauf eines Arbeitstags zu großen, überflüssigen Strecken.

•    Greifräume und Greifzeiten minimieren: Sorgen Sie dafür, dass Ihr Mitarbeiter Arbeitsmaterialien am idealen Ort und sortiert nach Zugriffshäufigkeit in Greifweite haben, um wertvolle Arbeitszeit einzusparen. Auch die Menge der Arbeitsmaterialien muss optimiert sein, um zusätzliche Nachschubläufe zu reduzieren.

•    Effiziente Bewegungsabläufe: Schützen Sie die Gesundheit Ihrer Mitarbeiter, indem Sie beispielsweise darauf achten, dass stets aus einem flachen Winkel heraus ins Regal gegriffen wird. Drehbewegungen wie z. B. 90°-Rumpfdrehungen sollten ebenfalls vermieden werden.

Auch über die gezielte Einrichtung der Arbeitsplätze lässt sich mehr Ergonomie erzielen: Dazu zählen die  Höhenverstellbarkeit sowie die optimale Länge von Tischen bzw. Arbeitsflächen oder die Positionierung des Monitors in geeigneter Sichthöhe. Einfach zu beschaffende Hilfsmittel sind z. B. auch weiche Arbeitsplatzmatten oder Stehhilfen, die Gelenke und Rückenentlasten.

Indem moderate Lockerungsübungen oder Richtungswechsel in die arbeitstechnischen Abläufe eingebaut werden, kann Fehlern durch mangelnde Aufmerksamkeit sowie Verspannungen und Verkrampfungen im Bewegungsapparat vorgebeugt werden. Zudem sollte Rechts- bzw. Linkshändigkeit der Mitarbeiter Rechnung getragen werden. Hierzu muss die einfache Umrüstbarkeit - beispielsweise durch modularen Aufbau – der Arbeitsplätze in der Planung berücksichtig werden.

•    Material- und Geräteauswahl: Überprüfen Sie jedes eingesetzte Arbeitsgerät kritisch und recherchieren Sie Vor- und Nachteile der Alternativen. Verwenden Sie z. B. Stülpdeckel statt Laschenkartons, um Ihren Mitarbeitern überflüssige, belastende Bewegungen zu ersparen (achten Sie dabei bitte auf Luftlöcher im Karton, damit Luft entweichen kann). Die Bereitstellung fest montierten Scannern oder von Halterungen, an denen die Scanner befestigt sind, ermöglicht den Mitarbeitern mehr Freiraum, da sie die Geräte nicht durchgehend in der Hand halten müssen.

•    Vermeidung unnötiger Lasten: Im Kommissionier- und Packbereich können bei der Zuführung von Waren sowie bei der Abführung fertiger Packstücke von einem Arbeitsplatz zum nächsten sogenannte Übergangsbrücken, ein einsetzbare Verbindungstücke, den Niveauunterschied zwischen Arbeitstisch und Rollband bzw. Fördertechnik ausgleichen. Rutschen oder durch Roboter automatisierte Abläufe können ergonomische Verbesserungen in den Arbeitsabläufe herbeiführen.

Auch an den Arbeitsplätzen selbst können die Bewegungsabläufe der Mitarbeiter optimal technisch unterstützt werden wie zum Beispiel durch Manipulationshilfen wie Vakuumheber, die ein müheloses Anheben von Lasten ermöglichen.  Auch Hubvorrichtungen, die zu entladende Paletten auf Arbeitsniveau anheben oder Federbodenwagen helfen bei einer optimalen Körperhaltung während der Be- oder Entladung .

•    Optimale Ausleuchtung des Arbeitsplatzes: Die Anpassung der Lichtverhältnisse an die zu verrichtende Tätigkeit wird oft unterschätzt, ist aber wichtig und schnell umzusetzen – wer besser sieht, was er tut, arbeitet schneller, sicherer und schont nicht zuletzt seine Kräfte.

•    Zeitaufnahmen nach der REFA-Methode: Zur Analyse von Bewegungsabläufen für die Gestaltung optimaler Arbeitsprozesse besteht die Möglichkeit, Zeitaufnahmen nach der standardisierten Methode der REFA – Verband für Arbeitsgestaltung, Betriebsorganisation und Unternehmensentwicklung – hinzuzuziehen. Die Arbeitsabläufe aller Mitarbeiter – z. B. Verpacken oder Kartonverschließen – werden kleinschrittig zerlegt und zeitlich erfasst. Anhand der Auswertung lassen sich Verbesserungspotenziale ermitteln und umsetzen. Essenziell ist dabei die Beteiligung aller Mitarbeiter – und dies ist vor dem Hintergrund der durch die Methodik entstehenden Transparenz der individuellen Arbeitsleistung nicht unproblematisch. Darum sollten unbedingt, falls vorhanden, der Betriebsrat eingebunden und die Mitarbeiter gehört werden. Wichtig: REFA-Analysen können von den Unternehmen nicht selbst durchgeführt werden. Externe Unterstützung ist erforderlich und sinnvoll, um daraus weitere Maßnahmen zur ergonomischen Optimierung abzuleiten.

Die Quickwin-Reihe von Pierau Planung im Überblick:


1.   Ordnung im Lager

2.   Lagerstruktur, die Erste: ABC

3.   Abwicklung EPO / EPO1

4.   Ergonomie

5.   Lagerplatzoptimierung

6.   Lagerstruktur, die Zweite

7.   Passende Versandverpackung

8.   Musik